Die Grenzen von Preisen und Kategorien, oder: Wie ich mir als Heuchler vorkomme

Inzwischen werden viele Preise vergeben. Das ganze Jahr lang. Manche im positiven Sinne, manche auch als Highlights. Im Beeple Netzwerk haben wir mir First Class unseren ersten Preisträger gekürt und sind alle sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Aber das ist natürlich kein Preis in dem Sinne wie ich ihn heute anschneiden möchte.

Die Jury in Frankreich ist eigentlich immer der erste im Kalenderjahr. Ende Januar, so gegen Nürnberg herum, geben sie immer ihre Nominierten bekannt und Ende Februar als Eröffnung ihres Spielefests in Cannes wird dann verliehen. Die Verleihung ist dabei so unfassbar anders als die Spiel des Jahres-Verleihung, dass ich es schwer in Worte fassen kann wie es alles anders laufen könnte. Wer auf keiner der beiden Veranstaltungen war wird das aber nicht helfen.

Letztes Jahr gab es eine deutliche Änderung in Frankreich. Statt einfach nur eine große Liste an Spielen zu nominieren haben sie auch je drei nominiere in jeder ihrer drei Kategorien bekanntgegeben. Es war eine Art Anpassung an den Deutschen Spiel des Jahres-Preises, den sie schon in seiner Art der Kategorien auf ihre französische Art kopiert hatten. Und dass meine ich nicht negativ. Aber auch nicht positiv.

Die Kinderspielkategorie in Frankreich ist unterhalb unserer Kinderspiele. Hier wird ein Leo als Familienspiel nicht mehr wahrgenommen. Weil ab 6 draufsteht, muss es ein Kinderspiel sein. In Frankreich hatte Spinderella keine Chance auf eine Kinderspiel-Nominierung. Es stand ab 6 drauf und war damit kein Kinderspiel mehr. Beides hat seine Vor- und Nachteile und ich mag nicht sagen, welche Sichtweise die bessere ist. Richtig gibt es ja nicht.

Wir wollen das einfach mal aufdröseln. Ich mache das mal mit den Deutschen Spielenamen und Verlagen.

Nominiert für das Kinderspiel

  • Stone Age Junior (Marco Teubner bei Hans im Glück)
  • Zum Kuckuck (Viktor Bautista i Roca & Josep M. Allué bei Haba)
  • Animouv (Martin Nedergaard Andersen, kein Dt Verlag)

Das Letztere hat interessanterweise ein Dickes „ab 7“ draufstehen und wurde schon in Dänemark für den Familienpreis nominiert. Das ist aber eine Kategorie in der auch Flick’em Up, Animals on Board und Super Rhino nominiert waren. Jeder zieht seine Grenzen wieder mal woanders.

Nominiert für das Familienspiel

  • Codenames (Vlaada Chvátil bei Heidelberger)
  • Imagine (Shintaro Ono, Shingo Fujita, Motoyuki Ohki, Hiromi Oikawa & Shotaro Nakashima, Huch & Friends)
  • Kingdomino (Bruno Cathala bei Pegasus)
  • Unlock! (Cyril Demaegd, Thomas Cauët & Alice Carroll bei Space Cowboys)

Das erste was auffällt ist die Tatsache, dass es vier nominierte sind. Da konnte man sich wohl nicht auf drei einigen. Vielleicht soll es auch unterstreichen, dass es der Hauptpreis ist. Was noch auffällt ist Unlock! Das Spiel ist noch gar nicht erschienen. Meines Wissens auch nicht in Frankreich. Bestimmt aht die Jury schon Mock-Ups zugeschickt bekommen und die App ist ja schon verfügbar. In Cannes wird es bestimmt an jeder Ecke kaufbar sein. Aber eigentlich dachte ich, dass nach dem schlechten Beispiel von Skull & Roses sowas nicht nochmal passiert. Damals war das Spiel einen Tag nach der Bekanntgabe als Sieger erst auf den Markt gekommen. Das Spiel ist sehr gut, das ist keine Frage, aber es hinterlässt ein Geschmäckle.

Die Jury hat natürlich auch eine Zwangslage. Die anderen Escape-Spiele sind kaum auf dem französischen Markt. Die Spiele von Kosmos und Noris sind nicht auf Französisch verfügbar. Und das obwohl schon letztes Jahr in Cannes vier Escape-Rooms für die Besucher bereitstanden. Escape Rooms sind aber jetzt gerade Thema. Sind sie es noch in einem Jahr, wenn die Spiele dann endlich verfügbar sind? In meinen Augen muss das der Jury egal sein. Es ist das Problem der Verlage, wenn sie ihre Spiele nicht passend rausbringen. Wobei in Frankreich die Verlage auch die Spiele anmelden müssen um berücksichtigt zu werden. Eine unglückliche Situation.

Aber Codenamens hätte auch schon letztes Jahr berücksichtigt werden können, oder? Ansonsten finde ich alle vier eine gute Wahl und Würde persönlich Codenames auch hier den Preis in die Hand drücken. Kingdomino wäre auch cool. Ich kann dem Spiel sehr viel abgewinnen und nachdem ich die 2er-Regeln für mich entdeckt habe, sogar noch viel mehr.

Nominiert für das Expertenspiel

  • Star Realms (Robert Dougherty & Darwin Kastle bei ADC Blackfire)
  • Conan (Fred Henry, kein Dt Verlag)
  • Scythe (Jamey Stegmaier bei Feuerland)

Wenn man nochmal einen Hinweis braucht was der große Unterschied zwischen dem Deutschen Pöppel und dem Französischen Preis ist, dann die Tatsache, dass es keine Grau-Schattierungen gibt. In Deutschland ist es inzwischen Familie, Kenner, Experten. In Frankreich immer noch Familie, Experten und was dazwischen fehlt wird kaum wahrgenommen („zerquetscht – wie Traube“ um ein Filmzitat zu bemühen). Entsprechend wirkt diese Liste sehr Expertig. Die Highlights des Deutschen Marktes verschwinden hier. Kein Marco Polo, kein First Class, kein Mombasa, kein Great Western Trail. Sämtliche Spiele in der Richtung scheinen in Frankreich unterzugehen.

Star Realms ist gefühlt drei Jahre alt. Aber wenn es erst jetzt in Frankreich raus ist, ist es gut, dass es mal wahrgenommen wird. Das Spiel ist äußerst grandios und wer es nicht hat, sollte es als sehr schnelles Deckbauspiel mal in Erwägung ziehen seiner Sammlung hinzuzufügen. Kommt bei mir öfter auf den Tisch als ich dachte. Selbst im letzten Jahr über 40 Mal.

Zu Scythe hatte ich mich in unserer letzten Sendung schon sehr ausführlich ausgelassen. Ich würde es im Leben nicht nominieren, und die Kritik bei Brett&Pad sieht da auch noch einige weitere Mängel. Das mag nicht drüber hinwegtäuschen das die Masse an Spielern das Spiel liebt. Hunter und Cron vergeben ihr Prädikat drauf und eine Platzierung in den Top 10 auf BGG unterstreicht das. Denn am Ende mögen handwerkliche Mängel nicht darüber hinwegtäuschen, dass es darum geht, ob ein Spiel Spaß macht. Die Filmindustrie und auch die Literaturwelt macht da gute Vorgaben, das Erfolg, Geschmack und Handwerk immer noch drei Richtungen im Koordinatensystem sind.

Aber nur mit diesem Hintergedanken ist auch Conan als drittes Spiel auf der Liste nachvollziehbar. Denn das Spiel hat neue Höhepunkt aufgezeigt in welcher Richtung Beschwerden laufen können. Dagegen sind die Sklaven in der alten Five Tribes-Version ja harmlos. Das Spiel dahinter mag tatsächlich grandios sein, ich habe es bisher nicht gespielt, aber so eine Nominierung ist auch ein Statement. Aber was für eins?

Ich denke dabei an die Deutsche Jury die schon bei kleiner Sachen gekniffen hat. Krieg und Frieden wurde 1990 von der Jury ignoriert, weil auch wenn es zu einem Klassiker der Weltliteratur gehört, scheinbar der Afghanistan-Konflikt es verbot ein Spiel mit diesem Namen zu erwähnen. Und in dem Spiel gibt es noch nicht mal solche Konflikte. Es wird eine Kirche gebaut. Selbst Säulen der Erde hat mehr Konfliktpotential. Was damals wirklich passierte, ob die Jury vielleicht einfach nur geschlossen das Spiel doof fand, im Gegensatz zu allen Spielern die sich darüber aufregten, dass weiß ich leider nicht, aber das hängt der Jury bis heute nach. So wie auch King of Tokyo. Aber dazu muss ich aber auch nichts mehr sagen.

Will die Jury in Frankreich also sagen, dass ihre Grenze eine andere ist? Oder ist die Problematik in Conan für mich nur eine offensichtlichere als bei King of Tokyo. Kann man sich aus dieser Verantwortung rausnehmen, oder muss jedes Spiel eine neue Linie ziehen? Ich kann der Jury in Frankreich zumindest nichts anhängen ohne selber dabei zum Heuchler zu werden, also akzeptiere ich diese Entscheidung. Jeder zieht seine Linie woanders. Hier hat es für eine Nominierung von Conan gereicht. Was allerdings hier gewinnt wird tatsächlich spannend.

Ich werde dieses Jahr auch wieder in Cannes bei der Verleihung sein und versuche wieder live von dort zu twittern. Wir hören uns dann Ende Februar.

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By | 2017-01-26T12:17:49+00:00 26. Januar 2017|Darkpact|5 Comments

5 Comments

  1. peer 26. Januar 2017 at 12:36 - Reply

    Was Unlocked betrifft, bin ich absolut bei dir. Vielleicht musste es unbedingt noch ein französisches Spiel (Autor und Verlag) sein? Die Französische Verlagszene hat den Ruf noch enger vernetzt zu sein als die Deutsche, hier wird dieser Ruf bestätigt.

    Krieg und Frieden fand ich allerdings rein spielerisch nicht nominierungswürdig 😉 Aber davon ab: Die Zusammensetzung einer Jury ändert sich durchaus und damit auch die Grenzen, die sie zieht. Ein Colt Express wäre vor 10 Jahren vermutlich noch nicht nominiert worden, in den 80er Jahren sogar mit Sicherheit nicht.

    • Matthias Nagy 26. Januar 2017 at 12:46 - Reply

      Das stimmt. Die Änderungen in der Jury sind da schon eine Verschiebung. Aber 1990 wurde bei der Jury noch nicht nominiert. Da gab es nur die Empfehlungsliste und aus der wurde ausgezeichnet. Und da hätte Krieg und Frieden in meinen Augen auf jeden Fall drauf gehört.

      • peer 26. Januar 2017 at 13:55 - Reply

        Weiss nicht, einzelne Spiele können auch einfach mal bei der Jury schlecht ankommen. Bei uns im Boberger Spielekreis gabs die Noten (von max. 5 Sternen): 3 , 3, 2 und 2. Und die Pöppel Ruevue-Rezi war IIRC auch nicht berauschend. Insofern muss nicht gerade das Thema (oder Titel) gegen eine Nominierung gesprochen haben.

  2. Dirk 29. Januar 2017 at 13:29 - Reply

    Ich finde es bemerkenswert, wenn bei Conan das “Uups, die trauen sich was”-Fass aufgemacht wird, bei der SdJ-Empfehlung von “Rassismus: das Spiel” aka Mombasa aber kein Anlass zum Kommentar gesehen wird. Und im Gegensatz zu dem (literarischen und faktischen) Unsinn, den Frau Hornbeck gegen Conan aufführ, und von dem letztlich nur übrig bleibt, dass sich die Damen bei Conan teilweise unzüchtig – gut, nicht unzüchtiger als die durchschnittliche Discobesucherin, wohl aber als Frau Hornbeck – kleiden,, spielt man hier ja nun tatsächlich die Ausbeutung im Kolonialismus nach (mit der authentischen Beilage, dass der weiße “Massa” die Ausgebeuteten nicht zu Gesicht bekommt und sie nur als die von ihnen geschaffenen Waren wahrnimmt). Diese Empfehlung der SdJ-Jury ist m.E. wirklich ein Statement … wenn auch keines, was der SgJ-Jury zum Ruhme gereicht.

  3. Meeplepeat 8. Februar 2017 at 18:15 - Reply

    Moin Moin,

    ich bin nicht intelligent genug, ich habe diesen Abschnitt nicht verstanden:

    “Die Kinderspielkategorie in Frankreich ist unterhalb unserer Kinderspiele. Hier wird ein Leo als Familienspiel nicht mehr wahrgenommen. Weil ab 6 draufsteht, muss es ein Kinderspiel sein. In Frankreich hatte Spinderella keine Chance auf eine Kinderspiel-Nominierung. Es stand ab 6 drauf und war damit kein Kinderspiel mehr. Beides hat seine Vor- und Nachteile und ich mag nicht sagen, welche Sichtweise die bessere ist. Richtig gibt es ja nicht.”

    Leo ist ein Kinderspiel da ab 6 und Spinderella nicht da ab 6? Oder soll die Aussage bedeuten die Angabe hat keine Bedeutung in Frankreich?

    Was ein Thema angeht, ist das eine entscheidende Frage. Die meisten Leute wollen eine historische Abhandlung, allerdings darf es auch nicht verurteilend wirken. Für mich ist ein Spiel das sich mit dem Thema explizit auseinander setzt viel anstößiger als ich es in Mombasa vorfinde. Für mich sind es Handelskompanien und diese sind auf Profit aus. Da ist es egal ob diese durchs Weltall auf entfernte Planeten fliegen oder wir Barbaren durch Ländereien wüten. Ausbeuten werden diese alle, da muss man nur in die heutige Wirtschaft schauen.

    Und ich finde Glorifizierung und Aufklärung liegen sehr nah. Eine Frage die ich mir bei Black Orchestra auch gestellt habe. Am Ende stellt sich die Frage, was ist für die Gesellschaft ethisch vertretbar? Was ist Kunst? Was historische Nähe? Am Ende eine Gradwanderung.

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